TEXTE

GEDOK "Ins Licht gerückt"

SPITALHOF REUTLINGEN

BARBARA KRÄMER - KUNSTHISTORIKERIN MA

 

Heidi Degenhardt, die mit ihrer Arbeit „Chapeau“, im Sinne eines anerkennenden „Hut ab!“, die passenderweise am heutigen 23.11. im Jahr 1888 geborene Schwester der Bildhauerin Maria Rupp und heute in Vergessenheit geratene Schriftstellerin Elisabeth Gerdts-Rupp ins Licht rückt. In drei hauchzart gearbeiteten, farbig fein akzentuierten Porzellanzylindern erleben wir auf faszinierende Weise den Weg von der Idee über die Ausführung bis zum geschriebenen Text mit. Auch die zwei-te Arbeit von Heidi Degenhardt beschäftigt sich mit in Vergessenheit geratenen Men-schen, fasst es in dieser Arbeit jedoch allgemeingültiger. Sobald das Licht an ist, wir erleuchtet, ins Licht gerückt werden, geraten wir nicht in Vergessenheit, zumindest ein Schatten von unserem Selbst ist immer sichtbar. Die Paarungen Mann und Frau, Vater und Mutter, Jung und Alt, Freund und Nichtfreund, Toter und Lebendiger werden so zu einer im Licht schimmernden Skizze des Lebens.

 

 



"getürmt"

Stadtbibliothek REUTLINGEN

BARBARA KRÄMER - KUNSTHISTORIKERIN MA

 

Auf B und C folgt D – und so sind wir bei Heidi Degenhardt angelangt. Auch die 1958 geborene Keramikerin und Porzellankünstlerin Degenhardt ist GEDOK-Mitglied und sie führt uns in die Irre. Wir schauen Ihre Arbeiten an und fragen uns unwillkürlich, ist das nun – hauchzart wie es aussieht – Papier oder doch Porzellan? Degenhardt gelingt es, mit ihren sechs – sorgsam in Kästen eingebetteten - Arbeiten gleich ein ganzes Bündel von Themen anzusprechen: Ausgehend von einer erdachten, sich laufend verändernden Symbiose der Begriffe „Frau“ und „Turm“, die in einen individuellen Reifeprozess mündet, erscheinen die sich im Kopfkino der Frau von heute abspielenden Probleme immer größer, die immer höher werdenden Ansprüche türmen sich immer deutlicher auf. Ästhetisch sehr reizvoll verpackt, mit ihren goldenen Turmhäubchen und weiteren verspielten Elementen auch an mein eingangs erwähntes Märchen-Rapunzel erinnernd, wird die Frau mit dem Turm auf dem Kopf zu einer aktuellen Protagonistin unserer Zeit, die an ihren eigenen Ansprüchen zu scheitern droht. Heidi Degenhardt reflektiert dennoch poetisch, bietet uns Deutungsspielräume an, wirkt als Erzählerin von visuell sich entwickelnden Geschichten, teilweise sogar in etwas mystischen Dimensionen. Verstärkt wird dies durch eine von ihr neu entwickelte Technik, einer Wachszeichnung auf MDF-Platten, die ihren transparenten Plexiglaskästen einen adäquaten Fixpunkt liefert. Parallel dazu lenkt uns Heidi Degenhardt sanft in eine gleichgewichtige andere Richtung, indem sie die sorgfältig gefüllten Holzkistchen als kleine „Oasen der heilen Welt“ präsentiert. Beim Betrachten stellt sich eine Wohlfühlatmosphäre ein, man fühlt sich beschützt, geborgen und weich gebettet. Die Künstlerin schafft so mühelos den Spagat zwischen einem ernsthaften intellektuellen Anspruch und einer künstlerisch-fragilen Leichtigkeit, indem sie unsere Sinne direkt anspricht. Der Kunstsammler Volkmar Wyviol, Geschäftsführer der Stern-Wyviol-Gruppe, hat dies in einem anderen Zusammenhang so formuliert: „Mich ergreifen Skulpturen. Keine andere Kunstgattung ist so direkt und unmittelbar.“



Frauenwesen

KSK ZWIEFALTEN

DR. BRIGITTE BAUSINGER

 

Bei Heidi Degenhardt ist alles hell. Sie hat auch ziemlich weit entfernt von den Arbeitsräumen ihres Mannes ihr eigenes Atelier aufgebaut. „Frauenwesen“ heißt ihr Thema, und wenn man das so isoliert liest, könnte man das mit einem durch die Jahrhunderte tradierten Tugendkatalog assoziieren, in dem von Treue, Gehorsam, Sittsamkeit etc. die Rede ist. Weit gefehlt, Gott sei Dank, die Künstlerin hat mit diesen Begriffen nichts am Hut.

 

Natürlich geht es bei ihr um die Frau, aber auch um weibliche Wesen, die nicht wirklich in Erscheinung treten. Heidi Degenhardt hat die Vogelfrau kreiert, und damit hat sie sich auch einen Namen gemacht.

 

Die Anregung zu dieser speziellen Schöpfung hat sie aus der ägyptischen Mythologie bezogen, wo Götter und leider keine Göttinnen das ihnen zugewiesene Tier als Haupt trugen. Daran erinnert die Künstlerin mit ihren Figuren. Sie strahlen auf Sockel gesetzt, eine majestätische Anmut aus, verbreiten mit den ihr beigegebenen lanzenartigen Stab eine unantastbare Aura. Den fein modulierten Vogelkopf ergänzen oft kurze oder auch längere bläulich eingefärbte Flügelpartien an Stelle der Arme. Sie sind Sinnbild eines Sehnsuchtmotives, das mit dem Traum vom Fliegen immer schon die Menschen bewegte, zugleich aber setzt sie damit auch ein Zeichen für eine wachsende Emanzipation der Frau, die zwar fest mit der Erde verbunden, den Flügelschlag riskiert, in Freiräume dringt, die ihr lange verwehrt waren. Das geschieht unaufdringlich, und es wäre sicherlich falsch, ihre keramische Kunst als politischen Appell zu verstehen. Was sie interessiert, ist eine ausgewogene Ästhetik ihrer Figuren und das Probieren und Hantieren mit ungewöhnlichen Stoffverbindungen wie schamottiertem Ton und französischem Porzellan – Experimente, die sie entzücken, wenn alles unzerstört aus dem Brennofen kommt.

 

Seit einiger Zeit befasst sie sich mit Frauenakten, kein originelles Thema, wie sie selber sagt. Aber ihr war wichtig, an die über Jahrhunderte lange Ignoranz von Künstlerinnen zu erinnern, die, wenn sie überhaupt in Aktion treten durften, nur im Schatten ihrer Männer und Meister gearbeitet haben. Und so hat sie mit ihren geziemend freizügigen Figuren diesen Frauen eine Hommage gesetzt. Diese Schöpfungen sind fern und frei von Mythologisierungen, haben mit den Vogelfrauen nur das Geschlecht gemein.

 

Fast alle haben eine unverkennbare erotische Ausstrahlung, ein Zeichen dafür, dass Erotisierung nicht nur mit glatter Haut und perfekter Kosmetisierung einher geht.

 

Das hängt wohl einerseits damit zusammen, dass Heidi Degenhardt primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale betont – nicht extrem auffällig, aber doch spürbar.

 

Das fiel mir ein, als ich Heidi Degenhardts Figuren sah. Aber gleichzeitig machen ihre Arbeiten klar, dass sich Wirkungen nicht einfach aus anatomischen Akzenten ableiten lassen. Es ist vielmehr die schwebende Eleganz, die Leichtigkeit, die graziöse Dynamik, die den Figuren ihren Reiz, auch ihren erotischen Reiz verleiht.